Hier findet Retro statt

This description is only available in German.

Reportage

Neuwied, Paris, München — und ein Spiel, das ich langweilig fand

1982 bin ich Deutscher Meister in Pac-Man geworden, 1983 in Centipede. Zweimal durfte ich Deutschland bei einer Atari-Weltmeisterschaft vertreten, einmal in Paris, einmal in München. Ich war fünfzehn und sechzehn, das Sandwich-Kind von fünf Geschwistern aus Neuwied, und beide Spiele haben mich eigentlich nicht besonders interessiert.

Angefangen hat das nicht mit Talent, sondern mit einem Fernseher. Mein Vater war Radio- und Fernsehtechniker, und deshalb hatte ich als Kind einen eigenen kleinen Farbfernseher im Zimmer. 1981 habe ich mir dann noch einen Atari-Fanclub eingebrockt, den STAR RAIDERS Club in Neuwied. Beides zusammen war der ganze Trick.

Denn Atari schrieb damals nicht an Einzelne, sondern an Clubs. Im Mai 1982 kam eine persönliche Einladung von der Atari Elektronik GmbH: Teilnahme am neuen PAC-MAN Wettbewerb, samt Programm-Cassette für den Club. Der Sieger des Clubs sollte direkt qualifiziert sein. Ich habe gewonnen — gegen die Jungs aus meiner Straße.

Als ich das 2017 einem YouTuber erzählt habe, habe ich es so gesagt, und es stimmt bis heute: „Ich habe zufällig gewonnen. Ich war der Einzige, der einen Atari hatte. Und die Jungs aus meiner Straße hatten ja keine Chance."

Der Brief, der nichts mit dem Turnier zu tun hatte

In dasselbe Jahr fällt eine Sache, die mir bis heute mehr bedeutet als jede Platzierung. Ich habe im Atari-Spiel Adventure den versteckten Raum gefunden, in dem der Programmierer Warren Robinett 1980 seinen Namen untergebracht hatte — das erste Easter Egg der Videospielgeschichte. Ich wusste nicht, dass das eine Berühmtheit ist. Ich habe es einfach nach Hamburg geschrieben.

Die Antwort von Atari habe ich noch. Darin steht: „Ihre Entdeckung bei ADVENTURE ist einfach super." Ein Satz an einen Fünfzehnjährigen, den offensichtlich jemand ernst genommen hat.

Beinahe wäre es an 100 Kilometern gescheitert

Dann kam die Post, dass es mit der direkten Qualifikation doch nichts wird. Zu viele Clubs, zu viele Sieger — Atari schob Zwischenrunden ein, in Horten-Kaufhäusern. Das nächste war über 100 Kilometer weg. Fünf Kinder, kein Auto frei, kein Geld für die Fahrt. Ich habe zurückgeschrieben und gefragt, ob sie mir nicht das Reisegeld schicken könnten. Konnten sie nicht. Damit war die Sache für mich gegessen.

Eine Woche vor dem Finale klingelte das Telefon. Ich könnte doch mitmachen. Warum, weiß ich bis heute nicht — vielleicht hatten sie Mitleid, vielleicht waren in den Zwischenrunden zu wenige durchgekommen. Am 7. August 1982 stand die deutsche Endausscheidung in Hamburg an. Mit fünfzehn brauchte man einen Erziehungsberechtigten dabei, also musste meine Schwester herhalten.

Der Zug hatte Verspätung. Ich kam als Letzter an, die anderen spielten schon. Und dann habe ich auf die Punktestände geschaut und gedacht: das kann ich schaffen. Guter Lauf, Deutscher Meister. Danach Pressekonferenz bei Schaulandt und ein Auftritt im NDR.

Monte Carlo, Grace Kelly und vier Tage Umzug

Die Weltmeisterschaft war für Monte Carlo geplant. Hotel Hermitage, Hubschrauber ab Nizza, Flug umsonst. Atari hatte Geld bis zum Abwinken. Ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig.

Am 14. September 1982 starb Grace Kelly. Die Beisetzung fiel auf genau den Tag, an dem die Weltmeisterschaft stattfinden sollte, den 18. September. In Monaco lief nichts mehr. Atari hat das Finale in vier Tagen nach Paris verlegt — 36 Teilnehmer aus 18 Ländern, aus Europa, Kanada, Hongkong, Südafrika und der Karibik, im Hotel Tocqueville, live im Fernsehen.

Für einen Fünfzehnjährigen aus Neuwied, der zum ersten Mal in einem Flugzeug saß, war das eine andere Welt: ein ganzes Hotel voller Atari-Leute, abends eine Schifffahrt auf der Seine, und für jeden gab es Hummer. Das war der Hammer.

Gewertet wurde in zwei Altersklassen, unter 25 und darüber. Ich wurde Vierter bei den Junioren. Das Kuriose steht in der Ergebnisliste: Ich hatte mehr Punkte als Johann Beiderbeck, der an dem Tag mit 14.516 Punkten Senioren-Weltmeister wurde. Die Klassen wurden eben getrennt gewertet. Mit nach Hause kam ein Atari 800 Heimcomputer.

Centipede fand ich langweilig

Ein Jahr später dasselbe Spiel, anderes Spiel. Ich sage das offen, auch wenn es zu einem Titel schlecht passt: Centipede fand ich wirklich langweilig. Das Spiel hatte für mich keinen intellektuellen Reiz, null. Die Mechanik war in meinen Augen erschreckend simpel.

Angetrieben hat mich etwas anderes — Ehrgeiz, der Wettkampfgedanke und der ganz pragmatische Wunsch, einen schönen Preis zu gewinnen. Bei einem Sandwich-Kind aus einer Fünf-Kinder-Familie ist das keine Nebensache.

Also habe ich die Sache auseinandergenommen. Man schießt beim Herunterlaufen gezielt in die Mitte der Spielfläche. Die zerstörten Segmente werden zu Pilzen und bleiben als rechteckige Klötze stehen. Über die Zeit entsteht so ein Tunnel in der Mitte, man stellt sich unten an dessen Ende und schießt. Die Würmer kommen zuverlässig durch den Kanal herunter. Die einzige echte Gefahr ist die Spinne, die muss man im Auge behalten. Alles andere ist Routine.

Trainiert habe ich ausschließlich zu Hause, täglich, vor meinem eigenen Fernseher. Und ehrlich: Training an etwas, das man langweilig findet, zieht sich. Es war Pflichtprogramm, kein Spielspaß. Durchgezogen habe ich es trotzdem, das ist wohl auch ein Charakterzug.

Am 10. September 1983 in Berlin waren es 254.061,5 Punkte und der erste Platz unter 18. Vier Tage später die Weltmeisterschaft im Sheraton Hotel Arabella in München: 297.517 Punkte, Rang 6 bei den Junioren.

Zwei Fernsehgesichter an einem Wochenende

Moderiert hat in München ein bisschen Michael Schanze, im Rahmenprogramm spielte Klaus Doldinger mit Passport. Zu einem richtigen Gespräch mit Schanze ist es nicht gekommen, dafür war zu viel los und ich zu aufgeregt. Ein Foto von uns beiden gibt es.

Ich war mehrere Tage in München, und in dem Zeitfenster sollte ich ein Radiointerview geben — Thomas Gottschalk. Den kannte ich von Bayern 3 und aus seiner Fernsehsendung über Videospiele, entsprechend habe ich mich gefreut. Überrascht hat mich, wie er ankam: in Sandalen, ganz leger, überhaupt nicht wie im Fernsehen. Entspannt, unkompliziert, umgänglich. Nervös war ich trotzdem.

Der Hauptpreis der WM war die Atari 810 Diskettenstation, das 5¼-Zoll-Laufwerk für den Atari 800. Klingt heute nach nichts. Zusammen mit dem Computer aus Paris hatte ich damit 1983 in Neuwied den einzigen vollständig lauffähigen Heimcomputer weit und breit.

Was davon geblieben ist

Am meisten beeindruckt hat mich am Ende nicht der Titel und nicht der Preis, sondern ein Brief. Nach der WM lud mich Dr. Stephen Molyneux, Manager Software Development bei Atari Elektronik, für die Kalenderwoche 44 nach Hamburg ein — ins Software-Entwicklungslabor. Ein paar Tage lang als Sechzehnjähriger sehen, wie Spiele entstehen. Das hat mehr mit mir gemacht als jede Urkunde.

2017 hat mich ein YouTuber wiedergefunden, weil er in alten TeleMatch-Heften geblättert und meinen Namen gelesen hat. Vor der Kamera habe ich mich damals so vorgestellt: „Ein bisschen älter, ein bisschen dicker, aber immer noch Klaus Wolf." Daran hat sich bis heute nur eine der drei Angaben geändert.

1992 habe ich WOLFSOFT gegründet, und seitdem verkaufe ich in Neuwied das Zeug, mit dem das alles angefangen hat. Wer heute auf eine Börse geht und eine Konsole aus seiner Kindheit in die Hand nimmt, hat für zwei Minuten dasselbe Grinsen im Gesicht wie ich damals im Hotel Tocqueville. Zwei Minuten Lächeln am Tag sind nicht wenig. Was willst Du mehr?

Die Autogrammkarte von Gottschalk suche ich übrigens bis heute.

Klaus in Videos

Vier Videos, in denen ich vorkomme. Eingebettet ist hier keines: Ein YouTube-Fenster auf dieser Seite würde Deine Daten an YouTube melden, bevor Du überhaupt auf Abspielen geklickt hast. Also gibt es Links, und Du entscheidest.