Reportage
Montabaur, Roman Blaser und die Börse, die nichts kostet
Es gibt in Deutschland genau eine Retro-Börse, bei der die Aussteller jahrelang keinen Cent bezahlt haben. Sie steht in Montabaur, sie gibt es seit 2014, und sie ist die Idee eines Mannes, der eigentlich nur auf dem Flohmarkt bummeln war. Ich bin seit der ersten Einladung dabei — zweimal habe ich es nicht geschafft, und das eine Mal bin ich abends nach dem Urlaub noch hingefahren.
Angefangen hat das Ganze nicht mit einem Konzept, sondern mit einem Spaziergang. Mitte 2014 fährt Roman Blaser mit seiner damaligen Frau auf den Flohmarkt am Quendelberg in Montabaur, einfach mal gucken. Und da stehen zwei, drei große Stände mit Videospielen — Michel und Sascha, keine Profihändler mit Preisschild, sondern Sammler. „Wir kamen dann so ins Gespräch und haben gesagt, ihr habt ja echt tolle Sachen hier", erzählt Roman. „Die haben mich so auf die Idee gebracht." Die beiden waren später übrigens auf jeder Börse dabei.
Dann kam der unromantische Teil. Eine Börse ist schnell gedacht und mühsam gefüllt. „Da habe ich Klinken geputzt", sagt Roman, und das meint er wörtlich: Flohmärkte abklappern, Leute ansprechen, in Koblenz in die Läden reingehen und fragen, ob sie nicht mal nach Montabaur kommen wollen. Wen er dabei ausdrücklich nicht wollte, sagt er heute noch mit derselben Betonung: „Was ich nicht wollte, waren dann diese Profihändler, wie man sie so kennt auf den Märkten." Letzter Preis und so.
Die Halle hat er sich gespart. Roman arbeitet seit 2010 im Haus der Jugend, er hat die Idee seinem damaligen Chef vorgetragen, und der fand sie großartig: mach das doch hier, wir haben genügend Tische, und kosten tut es nichts. So kam Ende 2014 die erste Spiele- und Konsolenbörse zustande. Zweimal im Jahr, Frühjahr und Herbst. Und für Aussteller wie für Besucher tutti completi umsonst — das blieb so über die ersten vierzehn, fünfzehn Ausgaben. So etwas hat außer ihm in Deutschland niemand verbrochen.
Vier Ausgaben im Jugendzentrum, und dann wurde es eng
Ich war ab der ersten Einladung dabei, wir kennen uns schon ewig, Roman war früher Kunde bei uns in der Firma. Und ich sage es, wie es war: eng. Die Tische standen in jedem Raum, im Treppenaufgang, in jeder Ecke, später kamen draußen noch große Zelte dazu, weil es immer mehr wurden. Aber es war gemütlich, familiär, jeder Raum voll mit Leuten, die fachsimpelten statt zu feilschen. Da ist in diesen Jahren die Community entstanden, die heute noch die Tische füllt.
Nur das Haus wuchs eben nicht mit. „Es ist immer noch so klein geblieben", sagt Roman über sein Jugendzentrum. Wenn die Zelte im Hof schon zur Grundausstattung gehören, ist die Sache irgendwann entschieden.
Die 5. Ausgabe im November 2016 war deshalb ein Experiment: raus aus dem Haus der Jugend, rein in den historischen Gewölbekeller in unmittelbarer Nähe zur Stadthalle. Oben drüber lag eine Gaststätte, und der Deal war so pragmatisch, wie er klingt — die Getränke wurden dort verzehrt, davon hat der Wirt ein bisschen profitiert, dafür durfte die Börse in den Keller. Man kam von unten durch den Hauptturm rein oder von oben durch die Gaststätte, über den alten Treppenaufgang. Sehr kuschelig, wie das der Name ja hergibt.
Ein Handicap gab es: Es war dunkel. Zu dunkel für die YouTuber, die dort filmen wollten. Heute wäre das mit den modernen Kameras kein Thema mehr, aber damals war es eines. Nach vier Ausgaben im Jugendzentrum und einer im Keller ging es wieder zurück ins Haus der Jugend, weil dort schlicht mehr Platz war.
Dreieinhalb Jahre Ruhe im Karton
Die 10. Ausgabe im Jahr 2019 fand noch einmal im Haus der Jugend statt. Danach kam erstmal Pause, aus besagten Gründen. Von 2019 bis 2022 waren das dreieinhalb Jahre Ruhe im Karton, und daran können wir uns ja leider alle noch erinnern.
2022 sollte es endlich wieder losgehen, und zwar draußen. Roman wollte es unter freiem Himmel machen, weil in geschlossenen Räumen damals noch alles Mögliche an Auflagen im Raum stand — reine Vorsichtsmaßnahme, strategisch aber die richtige Idee. Und der Ort dafür war der Quendelberg: genau das Außengelände, auf dem er 2014 die beiden Jungs getroffen hatte. Back to the roots also.
Alles war organisiert, terminiert, die Tische standen fest, die Plakate waren gedruckt. Dann schaut er sich die Wettervorhersage für den besagten Tag an. Die war alles andere als rosig — starker Regen. Ein, zwei Tage vorher kann man das schon ein bisschen eingrenzen, und ihm wurde die Sache zu heiß. Anderthalb Tage Vorlauf blieben. Also fragt er aus reiner Not über eine Kollegin die Stadthalle Montabaur an. Und die war frei. So kurzfristig, was eigentlich gar nicht geht.
Auf den Plakaten stand da immer noch Quendelberg. Es hat an dem Tag dann übrigens geregnet.
Stadthalle, Platz ohne Ende — und ein Stormtrooper aus Manchester
Die 11. Ausgabe wurde damit die erste in der Stadthalle, und seitdem ist die Börse dort geblieben. Tische waren vor Ort und konnten genutzt werden, nach oben hin Platz ohne Ende, hell und sagenhaft. 120, 125 Tische dürfen aufgestellt werden, mehr lassen Brandschutz und Fluchtwege nicht zu. Sie werden voll.
In der Stadthalle kam noch etwas dazu. Roman ist seit 2020 bei der 501. German Garrison, dem weltweit größten Star-Wars-Fanclub — ursprünglich die Idee eines Amerikaners, dann weltweit explodiert. Angefangen hat er mit einem Helm von Hasbro. Irgendwann wollte er den richtigen Anzug, kein Karnevalskostüm, sondern original. Also hat er sich schlau gemacht, ist nach Manchester geflogen, wo eine Manufaktur die Rüstungen genauso baut wie im Film, und hat sich Maß nehmen lassen. Fünf, sechs Wochen später kam der Anzug. 1.600 Euro, und das noch vor dem Brexit.
Die 501. nimmt es sehr genau, zwei, drei Sachen musste er nachbessern, bevor er aufgenommen wurde. Seit ein paar Jahren begleiten ihn acht bis zehn Kolleginnen und Kollegen zur Börse. Langfinger haben in Montabaur also keine Chance — die Börse ist von ganz hoher Sternenseite geschützt.
Ein Cosplayer von Kampfstern Galactica war auch schon da. Größer soll das Ganze trotzdem nicht werden: Die Halle ist eigentlich schon wieder zu klein, aber sie würde ihren Charme verlieren. Dann lieber klein, gemütlich, familiär.
Was 2027 auf dem Spiel steht
Der nächste Termin steht: 13. März 2027, Stadthalle Montabaur, die 16. Ausgabe. Seit 2022 gibt es sie nur noch einmal im Jahr statt zweimal — das ist eine Menge Orga, und Roman macht das alles nebenbei. Viele fragen ihn, ob er nicht wieder zwei machen kann. Erstens muss dafür das Zeitfenster passen, und zweitens muss die Stadthalle frei sein.
Wie gefragt die Börse inzwischen ist, zeigt eine Zahl: Nach der Ankündigung waren nach 48 Stunden alle Tische weg. „Das war auch wirklich unfassbar", sagt Roman. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so einschlägt." Die YouTuber sind untereinander vernetzt und scharren dann schon mit den Füßen.
Über dem Termin hängt allerdings ein Fragezeichen. Neue Brandschutzmaßnahmen und Vorgaben zu den Fluchtwegen könnten dazu führen, dass die Halle bei Tischen und Bestuhlung verkleinert werden muss. Für 2027 ist noch alles sicher, weil die erste Jahreshälfte ohnehin verplant ist. Aber Romans Rechnung ist klar: 120, 122 Tische sollten es sein. Wenn daraus 80 werden, macht die Stadthalle keinen Sinn mehr, und dann braucht Montabaur eine andere Location. Etwas hat er im Auge, spruchreif ist es nicht.
Warum das mehr ist als ein Termin im Kalender
Was in Montabaur seit über zehn Jahren passiert, lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den Roman selbst gesagt hat: „Das ist auch der Sinn der Sache, dass alle mit dem Lächeln nach Hause gehen." Genau darum geht es. Du siehst das Spiel von damals auf dem Tisch liegen, du nimmst es mit, und du hast ein Stück Kindheitserinnerung dabei. Zwei Minuten Lächeln im Gesicht pro Tag sind doch wunderbar. Was willst du mehr?
Dazu kommt der Teil, den man nicht kaufen kann. Auf einer Börse wie dieser trifft man Leute, die wissen, worüber man redet. Es wird gefachsimpelt, wiedererkannt, gehandelt, und man geht mit mehr nach Hause als mit Ware. Dass fast alle von 2014 bis heute jedes Mal am Start waren, sagt darüber mehr aus als jede Besucherzahl.
Und dann ist da noch der Punkt, an dem ich mich als Aussteller kurz halten muss, damit wir uns hier nicht zu viel selbst beweihräuchern: Für den Teilnehmer ist der Eintritt bis heute umsonst. Ab dem dritten Tisch wird inzwischen ein Zehner fällig, damit der Veranstalter nicht auf den Kosten sitzen bleibt. Das ist immer noch adäquat.